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Aktuelles

Flüchtlinge verstehen, begleiten, vom Glauben reden

Eingereicht von johannes.drechsler am 01. Feb 2016 - 17:06 Uhr

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Bödigheim. Eingeladen zu dem ganztägigen interkulturellen und interreligiösen Workshop am Samstag, den 30. Januar 2016 zum Thema „Flüchtlinge verstehen, begleiten und vom Glauben reden“ hatten die beiden Kirchenbezirke Adelsheim-Boxberg und Mosbach. Gekommen sind über 85 Mitarbeiter der örtlichen Asylhelferkreise, Pfarrerinnen und Pfarrer, kirchliche Mitarbeiter und am Thema Interessierte. Referenten waren Yassir Erik, Migrant aus dem Nordsudan und Tobias Schulz, der als ökumenischer Mitarbeiter über 14 Jahre in Ägypten gelebt hatte.

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Pfarrer Dr. Roser, Beauftragter für Mission und Ökumene,  der den Workshop organisiert hatte, begrüßte die Anwesenden und führte in das Thema ein, indem er an die Tageslosung erinnerte, ein Wort aus Sacharja 8,23 „Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist.“ Er deutete dies als ein Mut machendes Wort nicht nur für den Workshoptag, sondern für die Arbeit mit Flüchtlingen grundsätzlich. Hintergrund ist der, dass bei Sacharja im Gedanken der Völkerwallfahrt das exklusive Denken allein auf das Volk Israel bezogen aufgebrochen wird hin zum gemeinsamen Nachdenken und Anbeten des einen wahren Gottes. Die Flüchtlinge kommen aus einer tief religiös geprägten Welt. Zu ihrem Leben gehört selbstverständlich mit dazu, auch über den eigenen Glauben zu reden. Der Workshop solle hinsichtlich der Begegnung und Arbeit mit Flüchtlingen Mut machen, über alles Soziale, Diakonische und Karitative hinaus auch die geistliche Dimension des Glaubens mit einzubeziehen.

Dekan Rüdiger Krauth betonte in seinem Grußwort die politischen Aspekte des Themas. Gerade nach den Ereignissen von Köln, in der die Willkommenskultur zu kippen drohe, Flüchtlinge durch populistische und politische Gruppierungen denunziert würden bis hin zu tätlichen Angriffen auf Asylbewerberheime, habe die Kirche ein klares Wort für die Flüchtlinge, deren Schutz und Integration zu sprechen.

In der ersten Einheit des Workshops ging Tobias Schulz der Frage nach, wie es gelingen könne die fremde Kultur besser zu verstehen. Aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung und Arbeit in islamischen Ländern konnte er anhand lebendiger Beispiele Themen wie Geschlechtertrennung, Gastfreundschaft, Ziel orientierte Kultur als Zeit- bzw. Beziehungsorientiertheit oder Ehre und Gesicht wahren lebendig entfalten.

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Yassir EriK kennt sich aus in Fragen der Integration und des Islam. Beide Themen sind eng mit seiner Lebensgeschichte verwoben. Seit 1999 lebt der 41-Jährige in Deutschland. Geboren und aufgewachsen ist er im heutigen Nordsudan. Dort konvertierte Erik Anfang der 90er-Jahre vom Islam zum evangelischen Glauben.

Seine Ausführungen begann er mit einer kleinen Anekdote. Als er mit dem Zug von Stuttgart nach Frankfurt fuhr hatte er folgendes Erlebnis: „ Eines Tages hat mich eine alte Dame im Zug gefragt: „Sie sind wohl nicht von hier?“ Ich hätte mich darüber ärgern können. Stattdessen habe ich ihr meine Lebensgeschichte erzählt und davon berichtet, was Jesus in meinem Leben verändert hat. Es war ein sehr gutes Gespräch. Danach hat sie mir jedes Jahr eine Weihnachtskarte geschrieben.“

Geschichten wie diese erzählt Yassir Erik gern. Nicht nur, weil seine Zuhörer darüber herzhaft lachen. Sondern weil sie für das stehen, was ihm zum Thema Asyl und Integration wichtig ist: Begegnung und Beziehung. Unter diesem Motto ist der 41-Jährige viel unterwegs, reist von Korntal, wo er seit 17 Jahren lebt, durch die Republik, und hält Vorträge. Am Samstag  machte er im Evangelischen Gemeindehaus in Bödigheim halt.

Yassir Erik berichtete von seiner Kindheit in einem Ort nahe der Hauptstadt Khartoum in einer einflussreichen und erzkonservativen islamischen Familie, in der Andersdenkende nicht toleriert wurden. Als er sich taufen ließ, wurde er von seiner Familie verstoßen. In der Zeitung erschien eine Todesanzeige, ein Begräbnis samt Sarg fand statt, auch ein Grabstein mit seinem Namen wurde aufgestellt. 1995 reiste er aus, erst nach Kenia, wo er seine deutsche Frau kennen lernte, dann nach Korntal, wo er mit ihr eine Familie gründete. Eltern und Geschwister sah er nie wieder.

Schlüssel zur Integration ist für ihn die Sprache. Er, der mit Arabisch aufwuchs, bezahlte aus eigener Tasche einen Sprachkurs, lernte mühsam Deutsch. An der Frage, wann es „der, dem oder den Tisch“ heißt, verzweifelt er fast. „Wir sind nicht dumm, wir denken einfach nur anders.“ Auch heute mache er noch viele Fehler. „Doch ich gebe mir Mühe“, betont der Pastor, der auch ein bisschen Schwäbisch kann.

Initiative, das fordert Yassir Erik auch von anderen Flüchtlingen. Integration bedeute, den ersten Schritt zu machen. Von den Einheimischen erwarte er Offenheit. „Denken Sie bitte nicht oberflächlich. Elend, Bürgerkrieg, Verfolgung liegen hinter mir. Ich kann hier nicht typisch sudanesisch leben. Viele wertvolle Elemente meiner Kultur möchte ich bewahren und meinen Kindern weitergeben. Aber manches ist nicht mit dem Leben hier konform. Die Wahrung der Menschenrechte, die Anerkennung des Grundgesetzes oder die Haltung gegenüber Frauen sind fundamental. Hier sind sie gleichberechtigt und haben eine wertvolle Rolle in der Gesellschaft. Das musste ich auch lernen, denn ich habe einen Sohn und zwei Töchter und ein Adoptivkind aus Pakistan. Genauso ist es mit der Toleranz: In meiner Kultur wird nur eine Religion akzeptiert; jeder, der anders denkt, wird ausgeschlossen. Die deutsche Gesellschaft hingegen lebt von Vielfältigkeit und ist kritikfähig. Hier lebe ich in einem freien Land, und diese Freiheit gilt nicht nur mir, sondern auch meinem muslimischen Nachbarn. Integration ist keine Einbahnstraße. Als Migrant muss ich den ersten Schritt tun, um mich zurechtzufinden. Aber die Mehrheitsgesellschaft sollte auch einen Schritt auf mich zu tun. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, wir können viel voneinander lernen.“

Yassir Erik machte Mut Neuankömmlingen bei der Integration zu helfen. „Wenn wir für Glaubensfreiheit plädieren, dann gilt diese Freiheit für jeden. Ich setze mich sehr für verfolgte Christen ein, daher will ich nicht mit Muslimen in Deutschland genauso umgehen, wie die Mehrheitsgesellschaft andernorts mit Christen umgeht. Wenn ich für Religionsfreiheit plädiere, verrate ich nicht meinen eigenen Glauben, sondern nur so bleibe ich echt. Die deutsche Gesellschaft hat sich verändert, aber viele nehmen das nicht wahr. Migranten sind überall. Es gibt keine homogene deutsche Gesellschaft. Unsere Kirchen müssen sich öffnen, besonders für die christlichen Migranten, mit denen wir viel gemeinsam haben. Jede Gemeinde, die keine Migranten als Mitglieder hat, sollte sich fragen, warum.“ Migranten wissen nicht automatisch wenn sie hierher kommen wie die Gesellschaft tickt. „Ich wusste z.B. nicht, dass ich Kehrwoche machen sollte. Ich habe nicht verstanden was das heißt. Aber seit mein Nachbar mich auf die Kehrwoche aufmerksam gemacht hat, mache ich sie auch - man musste es mir nur erklären.“

Zur Integration der Flüchtlinge sagt Yassir Erik: „Das ist eine Herausforderung. Doch man kann auch Grenzen überwinden.“ Es gehe ihm dabei nicht um Schönfärberei. Gerade auch Probleme müssten thematisiert werden. Hauptsache sei, dass man die Dinge anspreche.

Der alten Dame aus dem Zug ist Yassir Erik nur einmal begegnet. Als sie stirbt, erhält er einen Anruf. Er geht zur Beerdigung und hält dort - vor lauter Fremden - eine Rede. „Nur Begegnungen machen so etwas möglich. Migranten sind genauso wie Deutsche keine Heiligen aber auch keine Menschen zweiter Klasse, einfach nur Menschen. Als Menschen sollten wir uns begegnen und annehmen.“